Das soziale Internet, bevor es kaputtgemacht wurde
Ich höre immer öfter die Einschätzung, dass das Internet zunehmend „kaputt“ sei. Gemeint ist damit natürlich nicht die technische Basis der Protokolle, Server, Kabel und Router. Und es betrifft eigentlich auch nicht das Internet, wie es ursprünglich gemeint war. Was genau genommen dabei ist, sich aufzulösen, ist das kommerzielle Internet.
Der Autor Cory Doctorow beschreibt diesen Verfall mit dem Begriff „Enshittification“, der sich in einem dreistufigen Prozess vollzieht: Zunächst locken Anbieter ihre Nutzer:innen mit attraktiven Diensten an. Dann verschlechtern sie den Service zugunsten von Werbe- und Geschäftskunden. Schließlich werden auch diese maximal ausgebeutet. Am Ende bleibt ein von Algorithmen gefilterter „Einheitsbrei“, über den weder Nutzer:innen noch Content-Produzent:innen Kontrolle haben.
Dabei gab es eine Zeit, in der das Internet als soziales Medium ganz anders und ziemlich gut funktionierte:
Web 1.0: Handgemachte Homepages mit Persönlichkeit
Ursprünglich war das World Wide Web geprägt von liebevoll gebastelten Homepages: HTML von Hand geschrieben, Hintergrundgrafiken, animierte GIFs, Gästebücher... Diese Seiten waren nicht auf Reichweite optimiert, sondern Ausdruck von Persönlichkeit. Sie waren digitale Wohnzimmer, in denen man sich vorstellte, Geschichten erzählte, Links sammelte und Bilder zeigte. Jeder Klick führte in eine andere kleine Welt.
Die Blogosphäre: ein Netz aus Menschen statt Algorithmen
Um die Jahrtausendwende wurden Web-Logbücher (Blogs) immer populärer. Sie enthielten chronologisch geordnete persönliche Artikel. Die Autor:innen, die sich „Blogger“ nannten, betrieben ihre Seiten zunächst selbstgehostet, später auf Plattformen wie Blogger.com oder WordPress. Menschen kuratierten das Internet selbst und dadurch sah jeder etwas anderes. Neben Links gewannen zunehmend Tags an Bedeutung, die Inhalte assoziativ verknüpften. So entstand eine größere Vielfalt, buntere Perspektiven und eine persönlichere Entdeckung neuer Inhalte. Es gab keine zentralen, von Algorithmen vorsortierten Feeds. Stattdessen stellten sich die Leser:innen ihre eigenen Abos über RSS-Feeds oder E-Mail-Newsletter selbst zusammen.
RSS-Feeds und E-Mail-Newsletter
Mit RSS-Readern (Really Simple Syndication) kann man Blogs direkt abonnieren. Neue Beiträge werden ohne Login, Tracking oder Filterung automatisch ins eigene Leseprogramm eingespielt. Damit kann man sich als User einen eigenen Newsfeed zusammenstellen.
Ein weiteres wichtiges Kommunikationsmittel war der E-Mail-Newsletter. Er war ebenfalls plattformunabhängig, kam direkt bei den Empfänger:innen an und konnte nicht einfach durch einen Algorithmus verborgen werden. Newsletter dienten nicht nur der Information, sondern waren oft auch persönliche Nachrichten an eine Gemeinschaft. Gerade im Kontrast zu den „Enshittification“-Plattformen sind Newsletter ein Beispiel dafür, wie stabile, auf Standardprotokollen basierte Systeme den Kontakt zwischen Autor:innen und Leser:innen dauerhaft sichern können.
Link Love und Blogrolls: organische Vernetzung
Wichtig für die Vernetzung war die sogenannte „Link Love“: Wer einen anderen Blog interessant fand, verlinkte ihn einfach. Oftmals entdeckten sich Blogger:innen gegenseitig, führten Diskussionen über mehrere Blogs hinweg und inspirierten sich zu neuen Beiträgen.
Ergänzend gab es die Blogroll – eine kleine, liebevoll gepflegte Linkliste in der Seitenleiste: persönliche Empfehlungen statt algorithmischer Vorschläge. Blogrolls waren wie handgeschriebene Wegweiser im digitalen Dorf.
Community-Blogs und Gastbeiträge
Neben den persönlichen Blogs gab es Community-Plattformen wie z.B. Slashdot oder thematische Onlineforen, die von Freiwilligen betrieben wurden. Slashdot z. B. fungierte als eine Art Meta-Blog für die Tech-Community: Es sammelte interessante Inhalte, verlinkte auf sie, kommentierte sie und ermöglichte umfangreiche Diskussionen. Ein Beitrag dort konnte einer kleinen Seite über Nacht zehntausende Besucher:innen bringen.
Wertvolle Informationen statt Algorithmus-Manipulation
Bei dieser Art von Vernetzung durch persönliche Empfehlungen und Beziehungen war der Nutzen und Wert der veröffentlichten Beiträge das Mittel, mit der man eine höhere Reichweite und Reputation erzielen konnte. Auch Gastbeiträge waren üblich: Man veröffentlichte bei anderen, nicht um „Reichweite zu monetarisieren“, sondern um neue Menschen zu erreichen und Ideen zu verbreiten. Heute ist es dagegen notwendig, zuerst den Algorithmus zu bedienen und SEO-Optimierung zu betreiben. Die Leser:innen kommen erst an zweiter Stelle und bekommen Inhalte vorgesetzt, die algorithmuskompatibel sind.
Prosumenten statt Konsumenten
Das alte soziale Internet war nicht auf passive Konsumption ausgelegt. Es war ein Raum von Prosument:innen, von Menschen, die Inhalte nicht nur lasen, sondern selbst gestalteten. Das war kein Zwang, sondern eine Einladung: Wer wollte, konnte mitschreiben, kommentieren, verlinken, remixen. Der Zugang zur Produktion war niedrigschwellig, und viele Angebote wurden nicht-kommerziell und aus Leidenschaft betrieben.
Digitale Selbstversorgung und Degrowth
In einer Zeit, in der auch das Internet immer weiter „auf Wachstum getrimmt“ wird, kann die Erinnerung an das ursprüngliche soziale Netz Anregungen für digitalen Degrowth und Resilienz liefern. So wie Gemeinschaftsgärten lokale Nahrungsproduktion fördern, kann ein dezentral gepflegtes Netz lokale, unabhängige Informationsströme fördern und so Ressourcen sparen, gegen die Verbreitung von Fakenews und Hatespeech arbeiten und tragfähige Netzwerke von Menschen entstehen lassen.
Heute kommt mit dem Fediverse eine moderne dezentrale Infrastruktur hinzu, die ich aber als Ergänzung und nicht als Ersatz für die Konzepte des Web 1.0 betrachte.
Warum das Ende des kommerziellen Internets eine Chance ist
Wenn die großen Plattformen weiter die „Enshittification“ voran treiben, ist das eigentlich keine Katastrophe. Es kann sogar eine Chance sein!
Für Leser:innen bedeutet die Plattformlogik heute oft, dass alle einen monotonen „Einheitsbrei“ sehen, der vor allem dazu dient, sie möglichst lange auf der Plattform festzuhalten und nicht, um sie schlauer, glücklicher oder kreativer zu machen.
Für Autor:innen sind die kommerziellen Plattformen ebenfalls problematisch: Die Regeln können sich jederzeit ändern. Reichweite, die man über Jahre aufgebaut hat oder die Inhalte, die man über Jahre erarbeitet hat können über Nacht verschwinden, weil eine Plattform ihre Prioritäten ändert oder ganz verschwindet. Man muss viel Aufmerksamkeit darauf verwenden, die Algorithmen zu bedienen, statt sich um seine Inhalte und Leser:innen kümmern zu können. Ein großer Teil der Reichweite in sozialen Medien heute ist zudem relativ wertlos. Likes schmeicheln vielleicht kurzzeitig dem Ego, aber daraus erwachsen kaum echte Beziehungen.
Genau hier liegt die Chance: Ältere, auf offenen Protokollen basierende Systeme wie E-Mail, RSS, die Blogosphäre oder das Fediverse werden nicht von wenigen zentralen Unternehmen kontrolliert und haben sich als stabiler, langlebiger und unabhängiger erwiesen. Wer auf solche Strukturen setzt, behält die Kontrolle über Inhalte, Reichweite und den direkten Kontakt zu seinem Publikum.
Die Enshittification des kommerziellen Internets kann also Türen öffnen, um die ursprünglichen, freien, menschlich geprägten Strukturen wiederzuentdecken. Das Web-Protokoll, E-Mail-Newsletter, RSS-Feeds und das Fediverse sind robuste, dezentrale Grundlagen, die nicht einfach verschwinden, nur weil Plattformen ihre Geschäftsmodelle ändern. Sie warten darauf, dass wir sie wieder ernster nehmen. Vielleicht ist der Weg nach vorn gar nicht so neu, sondern eine Rückbesinnung auf das, was das Internet schon einmal war: ein von Menschen gemachtes, nicht von Maschinen diktiertes, kreatives Graswurzel-Medium.
Ich danke Kris De Decker und Roel Roscam Abbing, die mich durch den Vortrag Back To The Future of The Internet zu diesem Artikel inspiriert haben.